Welche Gefühle lebst du auf deinem Instrument?
Jeder Musiker hat ein emotionales Spektrum, das ihm gehört. Nicht im Sinne von Technik oder Stil, sondern im Sinne von dem, was wirklich in ihm lebt und was er bereit ist, durch sein Instrument hindurchzulassen.
Yehudi Menuhin war ein Musiker, dessen Spiel vor allem von Wärme, Tiefe und einer fast spirituellen Schönheit geprägt war. Nigel Kennedy lässt auch Wut, Chaos und Provokation durch, und genau das macht ihn so unverwechselbar. Beide sind großartig, aber sie sind großartig auf völlig verschiedene Arten, weil sie verschiedene emotionale Welten bewohnen.
Und dann gibt es den Versicherungskaufmann, der abends in einer Hardcore-Metalband spielt und dort etwas loslässt, was tagsüber vielleicht keinen Platz hat. Auch das ist ein emotionales Spektrum. Auch das ist Musik als Ventil.
Die Frage, die mich dabei immer wieder beschäftigt, ist welche Gefühle du eigentlich fühlst, wenn du einen bestimmten Künstler hörst? Und welche Gefühle lebst du selbst, wenn du spielst?
Noch eine Beobachtung, die ich nicht verschweigen möchte, weil sie mich selbst beschäftigt hat: Wer jemanden auf der Bühne erlebt und tief berührt wird, begegnet nicht zwingend demselben Menschen in der unmittelbaren Begegnung. Musik kann ein echter Ausdruck von jemandem sein, aber sie kann auch der einzige Ort sein, wo bestimmte Emotionen überhaupt existieren dürfen. Das ist keine Enttäuschung, sondern vielleicht einfach die Wahrheit über Kunst.
Für mich persönlich umfasst mein Spektrum Wut genauso wie Fragilität, überschwängliche Freude genauso wie tiefe Traurigkeit, und die Schönheit des Lebens in all seinen Widersprüchen. Es ist immer wieder eine neue Entdeckung, was auf der Geige auftaucht, wenn ich einfach nur spiele und höre, was da ist.