Gedanken & Geschichten

Einfach spielen – die heilsame Kraft des ziellosen Musizierens

#1

Kennst du das Gefühl, wenn du dein Instrument in die Hand nimmst und sofort diese innere Stimme da ist, die fragt: Was übe ich heute? Welches Stück nehme ich mir vor? Wo muss ich noch besser werden?

Dabei vergessen wir manchmal etwas wirklich Wesentliches, dass Musik nicht nur ein Ort des Lernens ist, sondern auch ein Ort des Ankommens.

Was wäre, wenn du dich einfach mal zur Geige greifst, ohne Plan, ohne Pensum, ohne Stück, das du lernen musst, und einfach nur dem folgst, was gerade in dir ist? Einer Melodie, die auftaucht, einer Emotion, die sich Raum nehmen möchte, vielleicht Trauer, vielleicht Leichtigkeit, vielleicht etwas, für das du noch nicht mal einen Namen hast. Und du lässt es einfach klingen, resonierst damit, intensivierst es vielleicht sogar, und lässt es dann auch wieder los.

Dieses Spielen ohne Ziel ist kein Zeitverlust, sondern ein echter Nervensystem-Reset und in einer Welt, die ständig fragt, wohin etwas führt und was man daraus machen kann, ist dieser Moment des reinen Spielens fast etwas Radikales, weil du aufhörst, dich zu bewerten, nicht mehr fragst, was daraus werden soll, sondern einfach nur da bist, mit deinem Instrument, mit dir, mit dem, was gerade wirklich da ist.

Zwei Minuten können dafür reichen, vier, fünf, manchmal entsteht daraus eine Melodie, die bleibt, manchmal nichts, das man festhalten könnte, und beides ist vollkommen richtig so.

Das Schöne daran ist, dass es mit jedem Instrument funktioniert, mit der Geige, dem Klavier, der Gitarre, überall dort, wo du einen Ton erzeugen kannst, kannst du auch wieder Kontakt zu dir selbst aufnehmen, nicht als Musiker, der etwas leisten muss, sondern einfach als Mensch, der gerade da ist.

Ich selbst vergesse das übrigens immer wieder, und wenn ich es dann doch tue, bringt es mich ganz schnell wieder zu mir selbst zurück. Es ist eigentlich die spielerische Art und Weise, in der ich begonnen habe, Musik zu machen und mich mit ihr auseinanderzusetzen, und sie ist bis heute die Basis meines künstlerischen Schaffens: dieses freie Spiel, das erst mal kein verwertbares Ziel hat, sondern nur in Resonanz mit einem selbst geht.